“Ein Wunder, ein Wunder!”, riefen die Leute als sie das Pferd in den Himmel galoppieren sahen. Die ersten Sterne glitzerten im tiefen Dunkelblau und Fleija lachte, denn sie wusste, dass ihr bald all diese Menschen, die sie lieb gewonnen hatte, folgen würden.
Und all das war so gekommen: Fleija war eine Heldin, immer aus auf neue Abenteuer, immer auf der Suche nach Gelegenheiten sich selbst zu meistern und zu vervollkommnen. Nachdem sie viele Meer überquert, die höchsten Berge erklommen und die trockensten Wüsten durchwandert hatte, kam sie, auf ihrer Suche nach dem Glück, in ein kleines Dorf, wie es soviele gibt. Die Menschen hiessen sie willkommen, gaben ihr und dem weissen Pferd ausreichend zu essen, waren höflich und erwarteten, dass sie bald möglichst weiter zog. Fleija wollte aber gerne bleiben. So zögerte sie die Abreise Tag um Tag hinaus, bis ihr das Wetter zur Hilfe kam.
Es wurde Herbst, der Regen begann und ging dann, leise übernacht, in dicken Schneefall über. Nun waren die Einwohner des kleinen Dorfes doch froh über die zwei Hände mehr, denn der Schnee war zu früh gekommen und es gab noch so viel zutun. Fleija half so gut sie konnte, mit ihrem weissen Pferd und allem was sie besaß oder auf ihren langen Reisen gelernt hatte. So kam es, dass die Menschen langsam freundlicher wurden und zu lächeln begannen wenn sie das neue Mädchen in ihrem Dorf sahen. Abends erzählte Fleija den Kindern Geschichten aus fernen Ländern, wo sie gewesen war, oder was die Menschen sich dort so erzählen. Von Feen und Elfen erzählte sie, von den Tieren und Pflanzen, dem geheimen Leben in grünfunkelden Wäldern und von berauschend schönen Felshöhlen, so tief, dass nur der Fuss des Mutigsten einen Schritt hinein, in die Welt der ewigen Stille, wagen durfte. Die Kinder stralten vor Glückseligkeit und tief in ihre Herzen drang die untrübbare Freude des Lebens und das herrlich starke Wissen, dass das Gute immer siegt!
Als endlich, in aller Eile, die Vorbereitungen abgeschlossen waren, begann das ganz normale, geruhsame Winterleben. Man saß bei Handarbeiten zusammen, unterhielt sich, bereitete köstliche Essen. Sie taten all die Dinge, zu denen sie im Sommer nicht gekommen waren. Neue Gedichte und Geschichten wurden erzählt, genauso wie Bilder gemalt, schöne Dinge geschnitzt und Schmuck hergestellt. Sie sangen und musizierten und Fleija erzählte weiter ihre Geschichten und alle hörten zu, wenn sie von den Blumen und dem Meer, von unendlicher Freiheit, stralender Schönheit und grosser Liebe sprach.
Nur selten wurde der Frieden unterbrochen. Wenn die Schneefälle aufhörten mussten die Harfen, Stickereien und leuchtenden Farben zur Seite gelegt und gegen Schwerter und Kettenhemden getauscht werden. Denn dann kamen die Räuber aus der Ebene hinauf um zu plündern. Sie brachten Angst und Schrecken und nahmen alles, was den Dorfbewohnern lieb war. Doch dieses Jahr war es anders, denn Fleija half ihren neuen Freunden. Sie lehrte sie kämpfen, doch vorallem brachte sie ihnen bei die Räuber zu verjagen, ohne das jemandem etwas Schlimmer geschah. In dieser Zeit unterhielten sie sich am Feuer viel über Vergebung und Fleija erzählte die Geschichte von dem berühmten Bey, der das Geschenk der Freundschaft erhielt. Einmal war dann ein Tag als die Räuber wieder angriffen. Sie waren ausgehungert und froren fürchterlich in ihren Verstecken in den Schneewehen. Deshalb waren sie noch wütender als sonst. Die Dorfbewohner wussten, dass sie es dieses mal nicht schaffen würden, ihr geliebtes Zuhause zu beschützen. So riefen sie den Wind um Hilfe, dass er schnell einige Wolken und Schnee bringen solle. Prompt kam er, doch nicht nur Wind und Wolken und Schnee, sondern die mächtige Winterfee kam mit klirrender Kälte um den guten Dorfbewohnern zu helfen. Die Räuber hatten keine Zeit mehr in ihre armseligen Hütten zurück zu kehren. Sie saßen in ihren Schneewehen fest. Die Leute aus dem Dorf berieten miteinander und entschlossen sich, die Räuber in die Wärme ihrer Häuser zu holen. Zögernd betrat ein Räuber nach dem anderen das grosse Feierhaus in der Mitte des Dorfes. Langsam senkte sich die Dunkelheit herab, die Flammen in den Öfen loderten und der Sturm heulte um die Ecken. Alle lernten sich näher kennen und die Atmosphäre wurde immer vertrauter und gelöster. Der Schneesturm hielt viele Wochen an, doch die Wochen vergingen wie Tage und die Tage wie Stunden. Alle waren Freunde geworden und sangen, tanzten und feierten, bis der Sturm nachliess und die Räuber zurück kehren wollten, zu ihren Familien in der Ebene. So verabschiedeten sie sich und die Menschen aus dem Dorf schenkten ihnen alles was sie brauchten, um den Winter glücklich zu erleben.
Einen Abend, es war gegen Ende des Winters, drehte der Wind und begann aus dem Süden zu wehen. Das wunderschöne Mädchen des Frühlings tanzte leichtfüßig über die harte Eiskruste des Schnees, und übernacht sprossen bunte Blumen in ihren Fußspuren. Ausgelassen stoben die Tiere in das frische Grün, alle genossen die Weite und bereiteten ein großes Fest mit Girlanden aus Blumen, draussen unter den blühenden Bäumen. Am Nachmittag entdeckten sie eine lange Menschenkolonne, die sich den Berg hinauf bewegte. Es waren die Räuber, die keine Räuber mehr waren. Die Dorfbewohner freuten sich und viele liefen ihnen entgegen. Die Kinder lachten und spielten fröhlich zusammen und das Fest begann. In diesem Moment, als alle Herzen voller Frieden und Glück miteinander verbunden waren und vor Liebe für die Welt überquollen, öffnete sich ein leuchtendes Tor im Himmel und daraus brandete vollkommene Seligkeit hinab zu den Menschen. Fleija schwang sich auf ihr Pferd und ritt hinauf in die Zukunft!
(© 2007, Geschichten-Fee Juliane)
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