"Der Vogelprinz"

(Juliane's Poetry)

 

Manchmal, wenn man sich einsam fühlt, geschehen ganz wunderbare Dinge...
Einmal lief ein Mädchen durch enge, dunkle Gassen, wusste nicht, wohin gehen, wusste nicht, mit wem reden. Die Sonne stand hoch am Himmel und blendete sie, die Vögel sangen und ärgerten sie mit ihrer Fröhlichkeit.
Als sie aber eine ganze Weile so dahin gegangen war, kam sie an einen großen Walnussbaum. Ohne sich lange zu besinnen war sie von der Straße abgebogen und über die Wiese auf ihn zu gegangen. Es muss ein alter Baum gewesen sein, denn er hatte einen dicken Stamm, raue, aufgerissene Borke und knorrige Äste. Es war, als würde er dem verdrießlichen Mädchen freundlich entgegen lächeln. Doch der zähe Schleier düsterer Gedanken ließ sie nichts von dem Lachen des Baumes bemerken, sie sah auch nicht die Vögel, die in seinem Geäst spielten oder die klare Quelle, welche zwischen seinen Wurzeln entsprang. Da sie aber vom Laufen müde geworden war, ließ sie sich zwischen den Wurzeln nieder, zwischen den dicken Lebenssträngen geborgen wie in einer starken Hand. So war sie auch schon bald fest eingeschlafen.
Als sie aber erwachte, stellte sie voll Staunen fest, dass Vögel in allen Farben und Größen um sie herum saßen, standen und flatterten. Es war, als würden sie das Mädchen mit ebenjenem Wundern betrachten, wie es das Mädchen aus ihren nun wieder leuchtenden Augen mit ihnen tat. Das war ein tschilpen, girren, rufen und flattern! Das Mädchen wollte gerade aufstehen, um sich die Sache einmal genauer anzusehen, da flog der kleinste aller Vögel zu ihr hin und landete vertrauend auf ihrem Knie. Bewundernd bestaunte sie das unscheinbare, kecke Vögelchen mit dem braunen Gefieder und den lustigen weißen Tupfen. Langsam streckte sie die Hand aus und ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, sprang das Vögelchen auf ihren Finger. Dann legte es den Kopf schief und sah sie mit den funkelnden schwarzen Augen freundlich an. „Lass uns spielen!“, forderte es sie auf, flatterte hoch und einige Male um ihren Kopf. Lachend sprang das Mädchen auf und folgte dem Vögelchen weit über die Wiese und in den Wald hinein.
Lange ging das so, aber sie wurde weder müde, noch durstig oder hungrig. Sie tollten gemeinsam über weite Berghänge, Wiesen und an den Ufern von Seen. Erst als das Vögelchen plötzlich innehielt und sich auf einem Torbogen niederließ, wurde sie sich bewusst, dass sie hier noch nie gewesen war. Das Tor war in eine riesige Hecke eingelassen und das Mädchen musste den Kopf in den Nacken legen, um ihr Ende zu erblicken. Es war, als würde sie direkt in den Himmel wachsen. Neugierig trat sie durch das Rosenumschlungene Tor, und bemerkte dabei nicht, wie das Vögelchen umkehrte und zu seinen Freunden zurück flog.
Drinnen war es eine herrliche Pracht. Rosen blühten in allen Farben und Formen und zwischen ihnen sprudelten die schönsten Wasserspiele. Das Gras war so weich, wie sie es noch nie gesehen hatte und das Wasser klarer denn aus dem reinsten Gebirgsbach. Gierig sog sie den Duft der Blumen in der kühlen, weichen Luft ein. Glücklich betrachtete sie den großen Vollmond und entdeckte in seinem Licht ein Schloss in der Mitte des Gartens. Die silberblinkenden Fenster, das goldene Dach und die weit offenstehende Tür aus feinstem Holz wirkten so einladend, dass das Mädchen fröhlich darauf zu ging.
Als sie die vielen Stufen aus feinstem Marmor endlich erklommen hatte, wartete oben ein schweigender Diener auf sie und führte sie weit durch die reich geschmückten Gänge des Palastes. Endlich tat sich eine besonders fein geschnitzte Tür wie von Zauberhand vor ihnen auf. Drinnen war eine große Halle, statt einer Decke war das Dach aus Kristallglas, das so geschliffen war, das der ganze Raum in das silberne Licht des Mondes getaucht war. Es gab keine Einrichtung uns so sah das Mädchen sofort die Gestalt in der Mitte. Es war ein junger Mann, ganz in ein weißes Gewand gehüllt, auf dem sich das Mondlicht scheinbar noch leuchtender brach, als auf dem blanken Boden. Staunend ging sie näher und unbemerkt schloss der Diener die Tür hinter den beiden...

Selig erwachte das Mädchen in den Armen ihres Geliebten. Über ihnen graute der Morgen und er erhob sich vorsichtig. „Warte auf mich, Liebste!“ Es war, als würde sich ein Sturm erheben und ihn mit sich in die Lüfte ziehen. Das Kristallglas gab eine Lücke frei, er wurde hindurch gehoben und das Letzte was sie sah, war ein großer rotschillernder Vogel.

So zogen die Tage dahin, abends erwartete sie ihren Geliebten und verbrachte eine Nacht mit ihm, einem Traume gleich. Die Tage verbrauchte sie in den weiten Hallen des Palastes, all seine Kostbarkeiten bewundernd, und im Garten, im Spiel mit den Vögeln die die selben zu sein schienen wie jene damals am freundlichen Walnussbaum.

Einmal hatte sie gefragt, gefragt nach dem warum und dem weshalb und der Prinz hatte ihr einen Finger auf die weichen Lippen gelegt und geschwiegen. So schwieg auch das Mädchen. Doch tief in ihrem Herzen wollte sie das Geheimnis lüften, wollte wissen und helfen. So besah sie sich die herrliche Kunst und Architektur, die weisen Bücher und all das andere, nie gesehene hier nicht nur um ihre Augen daran zu erfreuen, sondern auch um die Antwort auf ihre brennende Frage zu finden.

Bald schon kannte sie den ganzen Palast, hatte alles erkundet, alles dreimal in die Hand genommen und von allen Seiten besehen. Da kam sie in einen Raum, der sich von all den anderen unterschied. Er war dunkel und stickig, geschmückt mit einer alten Pracht, die nichts von der Leuchtkraft der ganzen anderen Dinge an sich hatte. Das erste mal seit das Mädchen durch das Tor getreten war, hatte sie ein ungutes Gefühl, fühlte Erschöpfung, ja sie fürchtete sich sogar ein wenig. Dennoch wusste sie, das nur hier das Geheimnis zu lüften wäre. So blieb sie bis der Abend dämmerte um zu ihrem Prinzen zurück zu kehren, seine Liebe zu trinken und Kraft zu sammeln, um am Tag wieder in das Zimmer mit dem Geheimnis zu gehen.

Um so öfter sie ging, um so offener wurde der Prinz, umso mehr unterhielten sie sich. Er erzählte ihr von Welten die er gesehen hatte, von Welten in denen der Krieg herrschte und die Menschen verzweifelt waren. Aber immer wieder sprach er auch über das Goldene Licht in jedem Herzen dieser Menschen, bei dem einen stärker oder schwächer, aber es war da! - Doch sie kämpften weiter, und sie kämpften nur selten für das Gute.

So waren die Tage des Mädchens nicht mehr von ungetrübten Frohsinn geprägt. Sie wusste nun, das sie eine Aufgabe zu tun hatte und das sie nicht ruhen dürfe, bevor sie vollbracht wäre. So kehrte sie jeden Tag in das Zimmer zurück, auch wenn es ihr manchmal schwer fiel. Denn entgegen ihrer Erwartung wurde die Atmosphäre nicht besser, sondern dunkler und schwerer, bis sie manchmal das Gefühl hatte keine Luft mehr zu bekommen, ihre Gedanken, all ihr Sein nicht mehr dem Licht zuwenden zu können. Nacht für Nacht gab ihr der Prinz all seine Liebe und all seine Kraft.

Gestärkt und von unermesslicher Liebe erfüllt ging sie Tag für Tag neu in den Kampf.
So kam es, dass eines Tages alles anders war als sonst. Sie betrat den Raum und er war nicht leer von allem Leben, sondern ein Wesen, so hässlich wie nirgends auf der Erde, so grauenvoll wie sie selbst in ihren schlimmsten Gedanken nicht gesehen hatte, ein Wesen das alle Alpträume der Menschen zu vereinen schien stand ihr gegenüber, grinsend und gemein.
„Ich kann dir Reichtum geben, Geld soviel du möchtest! Und Schlösser aus Marmor mit Böden aus Edelstein.“
Ruhig schloss sie die Tür hinter sich und besann sich auf das Licht in ihrem Herzen.
„Oder Macht! Willst du Macht? Die Menschen werden dir zu Füssen liegen! Sie werden dir zu jubeln! Ich werde dir alles erfüllen, was du verlangst!“
„Was verlangst du dafür?“, fragte sie und die Flamme wuchs.
„Nimm mich hinaus in die Welt, das ich deine Wünsche erfülle. Ich sage dir, dir steht eine große Zukunft bevor! Du wirst berühmt sein und reich!“
„Ich verlange nichts von dir für solch einen Preis. Selbst wenn es geschenkt wäre, würde ich nichts nehmen, was du vor mir berührt hast.“ Das reine Licht erfüllte nun ihren Körper, sprudelte wie eine Quelle aus ihrem Herzen und floss wasserfallgleich hinaus, erhellte das Zimmer und berührte die sich windende Gestalt.
Da wurde es ruhig.
Dann war es, als würde sich ein Knoten lösen, als wäre plötzlich ein schweres Gewicht von allem hier genommen. Regenbogen tanzten durch die reine Luft und Musik wie von Engelsharfen erklang. Dann öffneten sich die Wände. Die Kreatur hatte sich verwandelt. Sie stand nun als goldener Vogel vor ihr, strahlend in seiner Schönheit, ein Abbild der Freiheit, reine Liebe verströmend. Er breitete die Schwingen aus und hob ab, flog mit kräftigen Flügelschlägen dem Horizont entgegen, hinter sich einen Regenbogen des Glücks.

Eine sanfte Berührung erweckte das Mädchen aus ihrer Verzückung. Es war der Prinz und er stand vor ihr, seine Augen leuchtend in Liebe und Freude und sie umarmten sich glückselig im Sonnenlicht.
Dann war das Schloss ganz verschwunden, sie standen auf einer Wiese, auf einem Berg und all die Freunde die vorher Vögel waren, waren hier und halfen mit eine Stadt zu bauen der Liebe, des Lichts und der Freiheit. Und der goldene Vogel flog um die Welt!

 

(© 2007, Geschichten-Fee Juliane)

 

 

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